Wenn Figuren anfangen mit dir zu leben
„Lebst du eigentlich nur noch in deinen Geschichten?“
Diese Frage habe ich tatsächlich schon ein paar Mal gehört.
Und die ehrliche Antwort lautet: Nicht nur.
Aber ein bisschen schon.
Wer noch nie einen Roman geschrieben hat, stellt sich das Schreiben oft so vor:
Man setzt sich an den Schreibtisch. Man schreibt. Man klappt den Laptop wieder zu. Und dann geht das normale Leben weiter.
So funktioniert es bei mir allerdings nicht, denn Geschichten haben keine Bürozeiten und meine Figuren halten sich leider nicht an Öffnungszeiten. Sie melden sich nicht höflich an und sie fragen nicht: „Hast du gerade Zeit?“
Sie tauchen einfach auf.
Beim Autofahren. Unter der Dusche. Im Supermarkt. Oder genau in dem Moment, in dem ich eigentlich schlafen möchte, denn sie reden einfach weiter, auch wenn ich gerade arbeite. Das kann ganz schön … distracting sein, um ehrlich zu sein.
Das Verrückte ist: Ich muss gar nicht schreiben, damit die Geschichte weiterläuft.
Mein Körper sitzt vielleicht gerade in einem Meeting oder räumt die Küche auf. Oder steht an der Kasse.
Aber irgendwo im Hintergrund diskutieren Grayson und Julian noch über eine Szene.
Sara stellt Fragen.
Elijah macht Dinge, die ich ihm am liebsten verbieten würde.
Und plötzlich weiß ich: Genau so muss diese Szene funktionieren.
Schreiben passiert bei mir oft zwischen den Schreibzeiten. Und ich glaube inzwischen, dass die eigentliche Arbeit gar nicht immer am Laptop passiert. Natürlich entstehen dort die Wörter, aber viele Entscheidungen fallen lange vorher.
Während ich spazieren gehe, während ich Musik höre oder einfach nur aus dem Fenster schaue. Es sieht dann vielleicht so aus, als würde ich gerade gar nichts tun, aber in Wirklichkeit arbeitet mein Gehirn auf Hochtouren.
Vielleicht ist genau das das Schönste, aber manchmal wünsche ich mir, mein Kopf hätte einen Ausschalter.
Vor allem nachts. 😄
Aber gleichzeitig liebe ich genau das, denn es bedeutet, dass diese Figuren lebendig geworden sind.
Nicht nur auf dem Papier, sondern auch für mich und ich glaube, genau deshalb fühlen sie sich irgendwann nicht mehr wie erfundene Charaktere an, sondern wie Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleiten.
Vielleicht ist das das größte Kompliment, das ich meinen Figuren machen kann: Dass sie längst aufgehört haben, nur Figuren zu sein.
🖤
Eure