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Warum sich ein Buch erst real anfühlt, wenn ich es in der Hand halte

Eigentlich ist das absurd.

Ich verbringe Monate mit einem Buch.

Manchmal Jahre.

Ich schreibe Zehntausende Wörter. Ich lösche welche. Schreibe sie neu. Verschiebe Szenen. Diskutiere mit Figuren, die selbstverständlich nicht antworten, oder zumindest nicht auf eine Art, die ich außerhalb meines Autorinnenlebens öffentlich zugeben würde.

Ich überarbeite. Ich lektoriere, bzw. treibe Lektor:innen mit meinen Büchern in den Wahnsinn. Ich korrigiere. Ich fluche über Buchsatz, wobei das mit Vellum auch besser geworden ist.

Ich starre Cover an. Diskutiere mit der Designerin.

Ich exportiere Dateien mit Namen wie:

FINAL_final_JETZTaberwirklich_final_v7.pdf 

Das ist kein Witz und trotzdem passiert etwas Merkwürdiges: Solange ein Buch nur auf meinem Bildschirm existiert, fühlt es sich für mich nie vollständig real an.

Natürlich weiß ich, dass es da ist, aber … es ist eben nur auf meinem Laptop, Desktop oder in welcher Phase ich mich auch immer gerade befinde. Bis es das eben nicht mehr ist.

Rules Were Never Enough ist erschienen. Menschen können es kaufen. Menschen können Grayson und Julian kennenlernen. Irgendwo sitzen inzwischen Leser:innen mit einer Geschichte, die vorher nur mir gehört hat.

Das weiß ich.

Mein Kopf hat die Information erhalten und er hat sie zur Kenntnis genommen. Vielleicht nickt er auch kurz und dann kommt: Okay. Was steht als Nächstes an?

Sehr hilfreich. Nicht! 

Vielleicht liegt es daran, dass sich mein Alltag nach einem Release gar nicht so dramatisch verändert, denn es gibt keinen Abspann. Keine Musik und nNiemand wirft Konfetti durch mein Arbeitszimmer.

Manchmal kommt eher die Nachfrage: Wie lange willst du noch unerfolgreich Bücher schreiben? Wir brauchen frische Wäsche.

DAS ist mein Normal. Mein Alltag.

Ich wache am nächsten Morgen auf und da liegt immer noch Wäsche herum (siehe oben), irgendeine Mail möchte beantwortet werden und auf meinem Computer wartet bereits das nächste Manuskript.

Bei Rules Were Never Enough war das besonders absurd.

Ich hatte so lange mit Grayson und Julian verbracht. Aus ihrer Geschichte waren irgendwann sogar zwei Bücher geworden, weil die beiden sich offenbar geweigert hatten, sich an meine ursprüngliche Planung zu halten.

Okay, das ist unfair. Grayson hätte seine eigene Geschichte nicht so überzogen und selbst Julian, der privat sehr emotional sein kann, wäre nicht so ausgeschweift. Das war schon ich … ich gebs zu.

Nichtsdestotrotz war Band 1 plötzlich veröffentlicht.  Einfach so.

Ich hätte vermutlich feierlich vor meinem Computer sitzen und den Moment genießen sollen.

Stattdessen war mein Gehirn ungefähr drei Minuten später schon wieder bei Band 2.

Business as usual, bis ein Karton kommt. Aus der Druckerei. Das ist der Moment, in dem sich etwas verändert.

In den vergangenen Tagen kamen meine Exemplare von We Were Never Safe für die Klischee-Buchmesse an. Ich wusste natürlich, wie das Buch aussieht.

Ich hatte das Cover drölfzigtausendmal gesehen. Ich hatte den Buchsatz gemacht. Ich hatte einen Probedruck gelesen. Ich wusste, wie viele Seiten es hat. Ich wusste sogar sehr genau, dass dieses Buch ein ziemlicher Klopper geworden ist.

Und trotzdem ist es etwas anderes, einen Karton zu öffnen und darin nicht ein Exemplar zu sehen. Sondern viele.

Plötzlich liegt die Geschichte vor einem und sie hat Gewicht. Im Fall von We Were Never Safe SEHR VIEL GEWICHT.

😂

Man kann sie anfassen. Aufschlagen. Ins Regal stellen.

Und auf einmal denke ich:

Holy shit. Das habe ich gemacht.

Bei We Were Never Safe fühlt sich das noch einmal anders an. Vielleicht, weil dieses Buch schon einmal existiert hat.

Die Geschichte begann als Flash Fame und ich hätte es mir sehr leicht machen können.

Neues Cover, ein paar Korrekturen und neu veröffentlichen. Fertig. Stattdessen habe ich beschlossen, noch einmal hineinzugehen und dann bin ich offenbar nicht mehr herausgekommen.

Ich habe verändert, ergänzt, gestrichen, neu geschrieben.

Sara und Elijah noch einmal kennengelernt. Figuren Raum gegeben, den sie früher nicht hatten. Die Welt um sie herum größer gemacht und versucht, die Geschichte nicht zu der Geschichte zu machen, die ich heute neu schreiben würde – sondern zu der besten Version dessen, was sie immer sein sollte.

Das ist ein Unterschied. Ein wichtiger sogar. Und jetzt steht diese Version hier. Nicht mehr als Word-Datei. Nicht als Projekt. Nicht als das Buch, an dem ich gerade arbeite.

Sondern als Buch.

Mein Buch.

Und am Samstag, dem 12. September, erscheint es.

Man vergisst erstaunlich schnell, was hinter einem Buch steckt und das ist vielleicht das Verrückteste daran. Vorallem weil man ja neuerdings sowieso unter Generalverdacht steht, alles mit KI gemacht zu haben. Was ich eine absolute Frechheit finde, aber das ist hier nicht das Thema.

Wenn ich ein fertiges Buch anschaue, sehe ich ein Cover und ein paar hundert bedruckte Seiten.

Was ich nicht sehe:

Die Abende, an denen ich geschrieben habe. Die Szene, die erst beim fünften Versuch funktioniert hat. Die Sätze, die mich wahnsinnig gemacht haben. Die Stellen, bei denen ich irgendwann nicht mehr wusste, ob ein Wort überhaupt noch ein echtes Wort ist.

Die Zweifel. Das Lektorat. Die Korrekturen. Die Entscheidungen.

Das eine kleine Detail, über das ich drei Stunden nachgedacht habe und das vermutlich niemals irgendeinem Menschen auffallen wird. All das verschwindet irgendwann zwischen zwei Buchdeckeln.

Für Leser:innen soll es das sogar.

Niemand soll beim Lesen denken:

Ah, hier hat Sophie offensichtlich am Dienstagabend um 23:47 Uhr kurz die Kontrolle über ihr Leben verloren.

Das ist ein Beispiel, denn eigentlich habe ich die schon lange nicht mehr und man es in meinen Büchern wohl IMMER erahnen kann.

Und gerade liegen hier ziemlich viele Beweise herum, denn es ist nicht nur We Were Never Safe.

Hier liegt Rules Were Never Enough.

Hier liegt inzwischen auch Zehn 33, die Jubiläumsanthologie des Selfpublisher-Verbands, in der eine meiner Kurzgeschichten erschienen ist. Und während ich diese fertigen Bücher anschaue, sitzt auf meinem Computer schon wieder das nächste, während der zweite Band von Grayson und Julian gerade Probe gedruckt wird.

Seit diesem Wochenende kennen meine Newsletter-Rockeronies übrigens bereits Titel, Cover und geplanten Erscheinungstermin von Grayson und Julians zweitem Teil.

Der Rest der Welt muss sich noch einen winzigen Moment gedulden. 😄

Und vielleicht ist genau dieser Kontrast das Seltsamste am Autorinnendasein.

Auf meinem Tisch liegen Geschichten, die fertig sind. Auf meinem Bildschirm Geschichten, die es noch werden und in meinem Kopf ungefähr zwölf weitere, die bitte einmal eine Nummer ziehen und warten könnten.

Tun sie natürlich nicht.

Vielleicht brauche ich diese Momente deshalb, denn ich bin nicht besonders gut darin, Erfolge lange zu feiern.

Mein Kopf ist meistens schon beim nächsten Punkt auf der Liste.

Was muss ich noch machen?

Was muss überarbeitet werden?

Welches Cover fehlt?

Was muss zur Messe?

HABE ICH GENUG LESEZEICHEN?

Aber vielleicht sind diese Kartons deshalb gar nicht so unwichtig, weil sie mich für einen Moment zwingen, anzuhalten und etwas anzusehen, das vorher nicht existiert hat.

Eine Geschichte war irgendwann nur eine Idee, dann war sie ein leeres Dokument, dann ein Manuskript, dann eine Datei.

Und irgendwann liegt sie vor mir. Mit meinem Namen darauf.

Das sollte ich vermutlich öfter bewusst wahrnehmen.

Und diese Woche nehme ich sie alle mit, denn:

Am Samstag ist die Klischee-Buchmesse in Darmstadt.

Während ich das hier schreibe, liegen Bücher, Werbematerial, Lesezeichen, Postkarten und ungefähr drölfzig Dinge in meinem Arbeitszimmer, von denen ich hoffe, dass ich sie nächste Woche brauchen werde.

Ich schwanke derzeit irgendwo zwischen:

ICH FREUE MICH SO SEHR!

und

WARUM HABE ICH GEDACHT, DAS WÄRE EINE GUTE IDEE?

Was vermutlich bedeutet, dass alles vollkommen normal läuft.

Aber irgendwann am Samstag werde ich hinter diesem Tisch sitzen und vor mir liegen meine Bücher.

Nicht als Dateien.

Nicht als Projekte.

Nicht als To-do auf meiner Liste.

Einfach als Bücher.

Und vielleicht schaffe ich es dann sogar für einen kleinen Moment, nicht darüber nachzudenken, was als Nächstes kommt.

Vielleicht schaue ich einfach hin und denke: Holy shit. Das habe ich wirklich gemacht.

Und danach darf ich wieder in Panik geraten.

Versprochen.

Mit viel Herz 🖤

eure

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