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Adventskalender Türchen 14

Lila

14.12.2025

Okay, heute weiß das Wetter nun wirklich nicht mehr, was es noch machen soll. Es ist kalt. Richtig kalt. Sobald man rausgeht, kriecht die Kälte durch alle Schichten und es dauert mehr als einen heißen Kakao, ehe sie verschwindet. Aber Schnee? Fehlanzeige. Meine Wünsche wurden nicht erhört und ich denke, die Kinder sind ganz schön enttäuscht. Vielleicht sollte man beim Wünschen auch ehrlich sein?

Das kann ich von mir gerade nicht behaupten.

Mir wird heiß und ich bin froh, dass ich mit dem Rücken zu meiner Mom stehe, die hinter mir gerade das Abendessen für Dad und sich vorbereitet. Ich werde heute Abend auf dem Festival sein. Und das lässt die Hitze nur noch zunehmen, als ich die zweite Thermoskanne mit heißem Kakao fülle.

»Für wen ist die zweite?«, fragt meine Mom, und ich höre aus ihrem Ton, dass sie es längst weiß. Tom hat uns gesehen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass er es für sich behalten hat. Vielleicht hat er nicht gesehen, was da beinahe passiert wäre, aber er hat uns zusammen gesehen. Allein. Das reicht, um Stadtgespräch von Silver Pines zu sein. Daran erinnere ich mich auch noch nach zehn Jahren, denn das ist etwas, das sich nie ändern wird. Und eigentlich ist es auch niedlich. Na ja, zumindest dann, wenn man nicht selbst betroffen ist.

»Tucker«, sage ich so leicht dahin wie möglich. Als ich mich umdrehe, hebt sie eine Augenbraue, sagt aber nichts. Ihr Blick liegt dennoch schwer auf mir. »Was?«

»Nichts, nichts.« Ihre Stimme klingt unschuldig. Zu unschuldig. Also weiß sie Bescheid. War ja klar. »Ich finde es nur … nett. Also, dass du an ihn denkst.«

Ich schraube den Deckel auf die zweite Kanne.

»Es ist kalt draußen und Tucker steht den ganzen Abend an seinem Stand. Du weißt, dass er das allein macht und nicht wegkann, wenn es voll ist. Und wir haben Wochenende. Das ist einfach höflich.«

»Klar. Einfach nur höflich.«

Ich werfe ihr einen Blick zu, der ihr klar machen soll, dass sie mich nicht damit nerven soll, aber sie lacht nur und wendet sich dem Abendessen zu.

Als ich beim Festival ankomme, ist es voll. Sehr voll. Eigentlich genauso, wie ich es für einen Samstagabend erwartet habe. Trotz der Kälte sind viele Einheimische gekommen, um sich mit Freunden zu treffen, aber auch Touristen, die in der Nähe oder in Silver Pines ein paar Tage Urlaub machen. Musik dringt über den Platz, Kinder laufen um den Weihnachtsbaum herum und spielen fangen. Eine kleine Schlange hat sich am Karussell gebildet und der Duft von Zimt, gebrannten Mandeln und Eggnogg hängt in der Luft. Frische Waffeln mischen sich darunter, als ich an einem weiteren Stand vorbeilaufe.

Außerdem ist da noch was … die Luft riecht nach etwas. Ich kann es nicht benennen, aber es fühlt sich an wie eine Warnung. Die Wettervorhersage hat einen Wintersturm angekündigt. Nicht nur einfach einen Sturm wie letzte Woche. Sondern was Größeres. Morgen, sagen sie. Oder übermorgen. Aber er wird kommen. Ich sehe noch einmal in den Himmel, doch es ist zu dunkel und ich kenne mich mit Wolkenbildung und Windrichtungen sowieso nicht aus.

Die Lichterketten leuchten und alle Hütten sind besetzt. Tucker hat alles im Griff. Ich lächle und frage mich, warum mich das so stolz macht.

Ich presse die Thermoskannen gegen meine Brust, als würden sie mich beschützen. Mein Herz klopft immer schneller, je näher ich dem Stand von Tucker komme.

Seit dem Fast-Kuss und unserer Umarmung zum Abschied gestern, habe ich ihn nicht mehr gesehen – na ja, fast. Am Abend konnte ich es mir nicht verkneifen und bin zum Festival gegangen. Habe mich herumgedrückt und aufgepasst, dass er mich ja nicht sieht. Die Blicke der Bewohner von Silver Pines habe ich ignoriert. Mir egal, was sie denken.

Wir haben nicht mehr geredet, seit wir uns gesagt haben, dass es nicht egal ist, was passiert ist, und ich glaube, ich habe vergessen, was ich sagen wollte.

An Tuckers Stand ist heute besonders viel los und ich sehe, wie er eine Laterne zeigt, wie eine von denen, bei denen ich ihm geholfen habe. Er hat noch mehr gemacht und scheinbar einen Nerv bei den Touristen getroffen.

Er ist so beschäftigt, dass er mich nicht bemerkt, und ich nutze die Zeit, ihn einfach anzuschauen.

Tucker ist kein typischer Verkäufer, der seinen Kunden unbedingt etwas verkaufen will. Er will, dass sie sehen, welche liebevollen Details in den filigranen Ornamenten und anderen Holzgegenständen eingearbeitet sind. Er dreht das Holz so in den Händen, dass die Lichterketten der Hütte alle Details enthüllen können. Er lächelt. Offen, freundlich. Eben einfach Tucker.

Als die Kundin sich für den Kauf entscheidet und er ihr die Tüte überreicht, sieht er hoch. Sein Blick trifft meinen und für einen Moment sagt er nichts.

Dann: »Hi.«

»Hi.« Ich halte ihm die Thermoskannen entgegen. »Ich dachte, du hast vielleicht Lust auf was Warmes, bei der Kälte?«

Sein Gesicht wird weicher. Mit einer Handbewegung bedeutet er mir, in die Hütte zu kommen.

»Kakao?«, fragt er, als ich eintrete und er mir die Kannen abnimmt.

»Mit extra Marshmallows.«

»Natürlich.« Er lacht leise.

Ich öffne eine der Kannen und gieße ihm etwas in die Tasse. Dampf steigt auf und sofort erfüllt der Duft nach süßer Schokolade den Raum.

»Danke.« Er nimmt die Tasse entgegen und unsere Finger berühren sich.

Nur kurz, wie ein Hauch, aber es reicht, um mein Herz zum Stolpern zu bringen. In mir erwacht die Sehnsucht, wieder von ihm umarmt zu werden, so wie gestern. Aber ich traue mich nicht.

Also gieße ich mir auch einen Kakao ein und lehne mich gegen die Theke, dankbar für die Entlastung, während Tucker noch ein Ornament verkauft. Mein Knie hat den ganzen Tag gut mitgemacht, aber jetzt spüre ich es wieder – dieses dumpfe Ziehen, das nie ganz verschwindet.

»Viel los heute?«, frage ich, als die Kunden weg sind und nur einige Leute sich die Auslage ansehen.

»Ja, es ist Wochenende.« Er trinkt einen Schluck und sieht über den Platz, wo die Menschen sich jetzt schon mehr drängen als eben noch. »Die Leute kaufen wirklich gern. Vor allem Kleinigkeiten. Ornamente. Geschenke für Freunde. Aber die Laternen gehen wirklich gut. Ich glaube, ich muss noch welche machen.«

»Die sind auch wirklich wunderschön. Wie alle deine Sachen«, beeile ich mich zu sagen. »Ich denke an die Zuckerfee, die er für mich gemacht hat und die nun neben meinem Bett auf dem Nachttisch steht.

»Danke.«

Wir schweigen, während die Gespräche der Besucher um uns herumwabern. Es ist nicht unangenehm. Aber anders. Weil etwas zwischen uns hängt.

Ich räuspere mich. Schaue, ob vielleicht jemand etwas von Tucker will, ehe ich spreche.

»Tucker?«

»Ja?«

»Ich … also gestern … als wir …« Ich beiße mir auf die Lippen, weil ich nicht weiß, wie ich anfangen soll. Also atme ich noch einmal tief durch. »Als Tom uns unterbrochen hat …«

Tucker stellt seine Tasse ab und wendet sich mir noch mehr zu. Er ist ganz bei mir in diesem Moment und mir wird warm.

»Ja?«

»Es tut mir wirklich leid.«

»Was tut dir leid?« Er zieht die Augenbrauen zusammen und sein Blick wirkt verunsichert.

»Dass ich einfach so weggegangen bin. Also, so schnell.«

Tucker schüttelt den Kopf. »Wirklich, Lila, dafür musst du dich doch nicht entschuldigen.«

»Doch. Das ist mir sehr wichtig. Weil … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll. Ich meine, ich finde immer noch, dass es nicht besser war, dass es nicht passiert ist, also … ach.« Ich lache kurz, aber ohne Humor. »Ich weiß nicht, was ich fühlen soll, ich bin einfach echt mies darin.«

»In was?«

Ich deute erst auf ihn und dann auf mich. »In … dem hier. In uns. Das letzte Mal …«

Tucker tritt näher, nicht dicht, aber nah genug, dass ich seine Wärme spüren kann.

»Lila«, er sagt es so leise, dass ich es kaum höre über die Gespräche um die Hütte herum, »es gibt kein ‚uns‘, wenn du es nicht willst. Kein Druck. Keine Erwartungen, okay?«

Mein Herz zieht sich zusammen. War es das, was ich hören wollte? Eigentlich schon, aber …

»Und wenn ich es will?«, platzt es aus mir heraus.

Sein Blick wird intensiver, er umfasst meine Hände mit seinen, und mir wird heiß.

»Dann finden wir es heraus. Aber gemeinsam. Langsam. Schritt für Schritt.«

»Langsam«, denke ich. Weihnachten ist in fast einer Woche. Trotzdem nicke ich.

»Okay.«

»Okay?«

»Ja.« Ich lächle. »Okay.«

Während der Abend weiter voranschreitet, Tucker sich mit den Kunden unterhält und ich ihm helfe, wenn ich kann, trinken wir unseren Kakao und reden über Kleinigkeiten. Das Festival, meine Eltern, seine Familie und das Wetter. Obwohl es nicht tief geht, fühlt es sich gut an. Leichter als vorher. Leichter als überhaupt, seit ich wieder in Silver Pines bin. Als hätten wir aus dem Weg geräumt, was da immer war und uns beide blockiert hat.

Als der Platz langsam leerer wird, wir die letzten Marshmallows gegessen und die Kannen ausgetrunken haben, dreht er sich zu mir.

»Hast du morgen Zeit?«

»Wofür?«

»Es soll einen Wintersturm geben und ich muss hier sein und die Hütten überprüfen, damit es nicht so schlimm wird wie beim letzten Mal.« Er zögert. »Ich dachte, wenn deine Eltern dich nicht brauchen, vielleicht willst du mitkommen. Wenn du Lust hast.«

Mein Herz springt.

»Ja, gern.« Es ist zwar nicht so, dass ich sonst was anderes zu tun hätte, aber ich freue mich darauf.

»Gut.« Er lächelt.

Als ich mich verabschiedet habe und gehe, drehe ich mich noch mal um.

Tucker steht in seinem Stand, eines seiner Ornamente in der Hand, und sieht mir nach.

Zum ersten Mal, seit ich in Silver Pines bin, fühle ich mich nicht mehr, als würde ich nur noch fallen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass meine Flügel, die mich bisher durch mein Leben getragen haben, noch da sind.

Noch 11 Tage, bis ich mich entscheiden muss und ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht …

Rockt euren Adventssonntag, meine Rockeronies. Lilas Herz öffnet sich immer mehr – oder wieder – für Tucker und er? Na, ich denke, er hat nie aufgehört sie zu lieben.

Bis morgen

eure

 

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