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Adventskalender Türchen 13

Tucker

13.12.2025

Ich reibe mir die Hände, als ich aus dem Haus den kurzen Weg zu meiner Werkstatt gehe. Es ist deutlich kälter als in den letzten Tagen. Nicht kalt genug für Schnee – noch nicht. Aber man kann ihn riechen, dieses scharfe, saubere Gefühl, das einem sagt: Warte ab, es geht bald los. Lilas Wunsch wird sich erfüllen. Ich lächle, wenn ich daran denke, und ich weiß, dass es nicht das ist, was sie sich wirklich wünscht.

Heute werde ich erst am Abend zum Festival gehen. Ich muss noch einige Aufträge abarbeiten, einige davon habe ich sogar erst durch das Festival bekommen. Wie die Holzlaterne, die vor mir steht. Eine von zweien. Ich habe sie letzte Nacht noch angefangen. Helles Kirschholz. Warm. Und wenn man es richtig behandelt, ist es, als würde es von innen leuchten. Gute Wahl von der Kundin, die sich gestern in die Laternen verliebt hat, nur ein anderes Holz haben wollte.

Ich mag es, in der Werkstatt zu arbeiten, ohne weitere Termine. Es ist ruhig und ich bin konzentriert. Es ist nicht hektisch, nicht laut, kein Stress wie auf dem Festival, wenn es richtig voll ist. Hier bin nur ich mit dem Holz und dem leisen Kratzen des Schleifpapiers. Und meinen Gedanken. Natürlich. Denn ich kann die Unterhaltung mit Lila nicht vergessen. Gestern. Der Stern. Sie.

Das war … ich weiß es nicht. Hoffnungsvoll? Vielleicht bleibt sie wirklich? Mein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, auch wenn ich nicht weiß, ob das bedeuten würde, dass wir noch mal eine Chance haben. Meine Angst, dass sie eines Tages wieder einfach so geht, nicht bleibt. Trotzdem …

»Ach, shit«, entfährt es mir, als ich sehe, dass ich zu lange an einer Stelle geschliffen habe. Ich betrachte die Laterne. Ich kann es retten, aber ich sollte mich wirklich besser konzentrieren.

Draußen sind Schritte auf dem Kies zu hören. Langsam, zögernd. Als wüsste jemand nicht, wo er hinwill. Eigentlich habe ich keinen Termin und daher keine Ahnung, wer es sein könnte.

Ich lege das Schleifpapier weg, wische die Hände an meiner Hose ab und gehe zur Tür.

Als ich sie öffne, steht Lila davor.

Die Hände hat sie tief in ihren Manteltaschen vergraben, die Mütze tief in die Stirn gezogen und einen Ausdruck auf dem Gesicht, der aussieht, als wollte sie gleich wieder gehen.

»Hi.«

»Hi.« Sie beißt sich auf die Lippen. »Ich wollte dich nicht stören.«

»Tust du nicht.« Ich öffne die Tür ein Stück weiter.

»Sicher? Du arbeitest aber doch …«

»Lila.« Ich lächle. »Komm einfach rein.« Damit trete ich zur Seite und halte ihr die Tür auf.

Wieder zögert sie. Aber nur einen Moment. Dann erwidert sie mein Lächeln und tritt ein.

 

Meine Werkstatt ist nicht groß. Sie hat einen langen Arbeitstisch, Regale voller Holz, Werkzeug an den Wänden und eine große Säge im hinteren Bereich. Im Sommer kann ich auch draußen gut arbeiten. Für meine Aufträge reicht es. Es riecht nach Holzstaub, Lack und ein bisschen nach Kaffee, denn die Maschine in der Ecke auf dem Kühlschrank darf nicht fehlen.

Ich beobachte Lila, wie sie sich umsieht. Jeden Winkel genau betrachtet, als wollte sie sich alles genau einprägen.

»Es ist schön hier«, sagt sie schließlich.

»Schön?« Ich schnaube.

»Ja, es riecht nach dir.«

Jetzt lache ich. »Du meinst also, ich rieche nach Schweiß und Holzstaub.«

Sie sieht mich mit einem Lächeln an, aber es wirkt eher traurig als fröhlich, und ich höre auf zu lachen. »Nein, es riecht … nach zu Hause. Nach etwas, das ich vermisst habe.« Mein Atem stockt bei ihren Worten und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also halte ich die Klappe.

Lila geht näher an meinen Arbeitstisch und streicht mit den Fingern über eine der Laternen. Die, die ich zu fest abgeschliffen habe.

»Die ist wunderschön.«

»Eine Auftragsarbeit von einer Kundin gestern Abend. Sie ist noch nicht fertig.«

»Trotzdem.«

Ich trete neben sie. Lehne mich gegen den Tisch und verschränke die Arme. »Warum bist du hier, Lila?«

Sie sieht mich an und wirkt erschrocken. Das hatte ich nicht erreichen wollen. Nur die Wahrheit. »Ich …«, beginnt sie und stockt, ehe sie tief durchatmet. »Du hast gesagt, wenn ich … na ja. Deine Werkstatt ist immer offen.«

»Habe ich das?« Ich weiß genau, worauf sie hinauswill, aber dass sie sich davor drückt, es zu sagen, treibt mich an, es ihr schwerer zu machen. Über den Punkt sollten wir hinaus sein.

»Nicht direkt.« Ihr Lächeln ist schief. »Aber ich dachte … vielleicht war es so gemeint?«

Ich kann sie nicht länger zappeln lassen und erwidere: »Habe ich.« Ich bin viel zu glücklich, dass sie hier ist.

»Gut.« Sie atmet tief ein. »Zeigst du mir, was du machst?«

 

Die Zeit mit Lila vergeht schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich zeige ihr, wie man Holz schleift, nicht zu fest – so wie ich vorhin –, aber auch nicht zu leicht, immer mit der Maserung, damit das Ergebnis schön wird. Sie probiert es. Zuerst ganz zögerlich, dann immer konzentrierter.

»So?«, fragt sie und sieht zu mir.

»Fast. Ich zeige es dir noch mal, okay?«

Sie nickt und ich trete hinter sie. Lege meine Hand über ihre. »Nicht drücken. Du musst das Schleifpapier führen.«

Lila atmet scharf ein.

Ihre Wärme dringt durch den dünnen Pullover, ich rieche ihr Shampoo – irgendetwas Blumiges, was man sofort in der Werkstatt als fremd einstufen würde, und trotzdem möchte ich es nicht missen.

»So«, sage ich leise und führe ihre Hand über das Holz.

»Okay«, flüstert sie und ich trete zurück. Zu schnell, als hätte mich etwas gestochen. Aber ich habe nicht vergessen, wie sie den Atem eingezogen hat.

Lila dreht sich zu mir um, ihre Wangen sind leicht gerötet.

»Danke.«

Ich nicke. Unfähig zu antworten. Ihre Nähe hat mich aus dem Konzept gebracht und so trete ich schweigend neben sie und arbeite an der zweiten Holzlaterne weiter.

Wir arbeiten in Stille weiter. Aber es ist eine von der guten Sorte, als würden wir uns eine Decke teilen, um warm zu bleiben.

Als ich den Blick hebe, dämmert es. Wo sind die Stunden geblieben? Bald muss ich zum Festival. Aber ich möchte nicht, dass Lila schon geht.

»Ich muss bald zum Festival«, sage ich, und meine Stimme klingt, als wäre sie eingerostet. »Hättest du Lust, vorher noch mit mir spazieren zu gehen?«

Überraschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. »Jetzt?«

»Bevor es dunkel wird.« Ich zucke mit den Schultern. »Ich bekomme gern den Kopf frei und wir könnten dann zum Festival laufen. Ich dachte, vielleicht willst du mit?«

Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. »Ja, gern.«

 

Seite an Seite laufen wir durch Silver Pines. Ab und an berühren sich unsere Schultern. Es ist ruhig in Silver Pines. Noch sind die Leute nicht auf dem Weg zum Festival, die Touristen gehen vermutlich bald zum Abendessen. Ein paar Autos fahren an uns vorbei, in den Häusern ist Licht und die Weihnachtsbeleuchtungen in den Gärten springen an.

»Ich habe vergessen, wie still Silver Pines sein kann«, meint Lila nach einer Weile.

»Ist es dir zu still?«

»Nein.« Sie schüttelt den Kopf. »Es ist angenehm. Weißt du, in New York ist es nie still. Selbst nachts nicht.«

»Vermisst du es?« Die Frage kommt mir nicht leicht über die Lippen – ich habe Angst vor der Antwort.

Sie überlegt und mir kommt die Zeit endlos vor. »Manchmal«, sagt sie schließlich. »Die Energie. Das Gefühl, dass immer was passiert. Aber …« Sie sieht mich an. »Es ist anstrengend. Immer.«

Ihre Antwort erleichtert mich. Teilweise.

»Und hier?«, frage ich deshalb.

»Hier ist es anders. Langsamer. Und ich denke, ich brauche genau das gerade.«

Bitte brauch es für immer, schießt es mir durch den Kopf, doch ich sage nichts. Hege die Hoffnung nur für mich.

Wir biegen in eine der Seitenstraßen ein, die zum alten Park führt, der direkt neben dem Winterlights Festival liegt. Man kann ihn von dort sehen, aber auf dem Platz ist noch nichts los. Im Park gibt es ein paar Bänke und einen kleinen Teich. Wahrscheinlich ist er gerade nicht zugefroren.

»Erinnerst du dich?«, frage ich, als wir die ersten Bänke erreichen.

»An was?«

»An die Bank.« Ich deute auf eine. »Wir haben hier immer gesessen, nach der Schule.«

Ich war zwar zwei Klassen über ihr, aber unsere Freundschaft hat sich früh entwickelt. Wir waren in einer AG am Nachmittag, ich glaube, es war die Zeitung – warum auch immer – und haben uns dort kennengelernt.

»Ich erinnere mich.« Ihr Blick wird weich und so gehen wir zur Bank und setzen uns.

Sofort spüre ich die Kälte, die in meine Jeans kriecht, aber ich bleibe sitzen.

»Wir haben hier über alles gerade.« Lila sieht mich an und hebt ihre Hand. Kurz denke ich, sie will nach meiner greifen, doch sie tut es nicht. »Über New York. Über deine Schreinerei. Über alles …«

»Ja.« Ich verknote meine Finger und sehe auf meine Füße. Ich weiß, was kommt.

»Und dann bin ich gegangen.«

Die Erinnerung daran tut bis heute weh. Ich zwinge mich, sie anzusehen. »Ja.«

Lila sieht weg. »Es tut mir leid, Tucker. Dass ich … einfach gegangen bin. Dass ich nie zurückgekommen bin oder mich gemeldet habe. Bis jetzt.«

»Du musstest gehen, Lila. Du warst nicht glücklich und das war deine Chance. Die, von der du immer geträumt hast.«

»Trotzdem.« Ihre Stimme bricht leicht. »Ich hätte es anders machen können. Besser.«

Ich suche in meinem Kopf nach Worten. Die, die klug sind. Die, die versöhnlich klingen. Aber ich finde sie nicht, und alles, was ich sage, ist: »Du bist ja jetzt hier.«

»Ja.« Ihr Blick findet meinen und sie presst die Lippen zusammen.

»Und das reicht«, erwidere ich.

»Danke, Tucker«, haucht sie, sodass ich erst Sorge habe, ihre Worte nicht verstanden zu haben. »Dass ich es das tut.«

Sie mustert mich. So intensiv, dass mein Atem stockt.

Ich habe keine Ahnung, wer von uns sich zuerst bewegt. Vielleicht bin ich es, aber vielleicht ist es auch Lila oder wir beide gleichzeitig. Denn auf einmal sind wir uns nah. Viel zu nah. Ihre Augen weiten sich, ihre Lippen öffnen sich leicht, aber sie weicht nicht zurück und ich tue es auch nicht.

Mit einer Hand streiche ich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, wie ich es früher so oft getan habe.

»Lila«, raune ich.

»Tucker …«

Ich beuge mich ihr entgegen. Langsam, um ihr die Zeit zu geben, sich zurückzuziehen. Mein Magen flattert, mein Puls beschleunigt sich und ich bin sicher, ich habe schweißnasse Hände.

Lila bewegt sich nicht, schließt ihre Augen halb, und ich bin ihr so nah, dass ich ihren Atem spüren kann.

Nur noch wenige Zentimeter …

»Tucker! Hey, Tucker!«

Wir fahren auseinander, als wären wir bei etwas Verbotenem erwischt worden.

Ich drehe mich um und sehe Tom auf uns zulaufen. Woher weiß er, dass ich hier bin.

»Ich habe euch vorhin in den Park gehen sehen«, ruft er, während er näher kommt, »gut, dass du noch hier bist, wir brauchen dich auf dem Festival.«

»Jetzt?« Ich kann den genervten Tonfall nicht unterdrücken.

»Die Tür zur Hütte 23 klemmt und wir haben nicht das passende Werkzeug.« Ich zwinge mich, nicht laut zu stöhnen. »Die Leute kommen nicht rein.«

Das bedeutet, ich muss zurück in die Werkstatt, meinen Truck holen …

Entschuldigend sehe ich zu Lila. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen groß.

»Ich sollte gehen«, sagt sie.

»Lila …«

»Nein, es ist okay.« Sie steht auf, zu schnell, ich sehe den Schmerz in ihren Augen wegen ihres Knies. »Du musst arbeiten.«

»Lila, warte.«

Aber sie läuft einfach weiter.

»Fuck.« Ich sehe zu Tom, der fragend die Hände hebt. »Gib mir einen Moment.« Damit lasse ich ihn stehen und laufe ihr nach. »Lila!« Ich habe sie fast eingeholt, als sie stehenbleibt und sich umdreht. Ich schließe die Lücke zwischen uns. Ich weiß, dass ich ihr zu nahekomme, aber ich kann nicht anders. »Es tut mir leid«, sage ich.

»Warum?«

»Weil er uns unterbrochen hat.« Ich nicke in die Richtung, in der ich Tom noch vermute. Bestimmt wird er es gleich allen erzählen, was er gesehen hat … aber es ist mir egal.

»Vielleicht ist es besser so. Sie werden sich schon genug das Maul über uns zerreißen.« Sie lächelt, unsicher und schief.

»Ist es nicht, und was die Leute denken, ist mir egal.«

Sie lacht, ehe sie sagt:»Nein, ist es nicht.«

Mir fallen so viele Steine vom Herzen, dass sie dem Granit Peak Konkurrenz machen. Ich ziehe sie in eine Umarmung, in der sie kurz erstarrt, ehe sie sich an mich schmiegt.

Sie schlingt ihre Arme um meinen Rücken und ihr Kopf liegt an meiner Brust. Während ich sie einfach nur festhalte, schließe ich die Augen. Mag sie nicht mehr loslassen.

»Danke«, flüstert sie. »Für heute.«

»Jederzeit«, erwidere ich.

Als sie sich löst, merke ich, dass es genauso widerwillig tut, wie ich sie loslasse.

»Bis morgen?«, frage ich unsicher.

»Bis morgen.«

Sie geht, aber ich weiß, sie wird wiederkommen. Vorerst.

Ich sehe ihr nach und es ist mir egal, dass die Leute von Hütte 23 auf mich warten. Ich hätte Lila küssen sollen. Aber vielleicht hat sie recht und es ist besser, dass ich es nicht getan habe. Nicht, weil es falsch wäre, sondern weil ich weiß, dass ich nicht mehr wüsste, wie ich damit aufhören soll.

 

Den ganzen Abend denke ich daran, wie kurz davor ich war, ihre Lippen wieder schmecken zu dürfen. Ihr wieder so nah zu sein, wie damals. In mir nagen das Verlangen und die Frage, wann ich sie endlich küssen darf.

Noch 12 Tage. Aber ich weiß, so lange halte ich es nicht mehr aus.

Endlich, endlich, endlich … oder? Na ja, es hat mit dem Kuss ja nur fast geklappt, aber ist es nicht schön, dass sie sich langsam annähren?

Bis morgen, meine Rockeronies!

Eure

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