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Warum gute Lektorate manchmal weh tun

Und warum das wichtig ist.

Ich habe diese Woche ein Manuskript abgeschlossen. Also … fast. Denn wer schon einmal ein Buch geschrieben hat, weiß:

„Abgeschlossen“ ist ein sehr flexibler Begriff. Und Julian würde wahrscheinlich sagen: Das müssen wir noch einmal genauer betrachten, denn eigentlich bedeutet es meistens:

Für diese Runde abgeschlossen. Oder für diesen Moment, bis die nächste Person draufschaut.

Vor kurzem kam Grayson & Julian Band 1 aus dem Lektorat zurück.

Und ich habe gelacht. Wirklich. Okay, nicht immer sofort, manchmal auch erst nach einer kurzen Phase des Leidens.😄

Aber ich habe gelacht, denn gute Lektor:innen haben eine besondere Fähigkeit: Sie finden genau die Stellen, an denen man selbst blind geworden ist.

Nicht die Tippfehler, nicht die fehlenden Kommas, sondern die Dinge, die man als Autorin nicht mehr sieht, weil man die Geschichte inzwischen zu gut kennt.

Man sitzt da und denkt: „Das ist doch völlig logisch.“

Und dann steht im Kommentar: „Für wen?“

Oder: „Das verstehe ich nicht.“

Und man starrt minutenlang auf die Stelle, weil man selbst natürlich genau weiß, was gemeint ist, denn man hat die Szene schließlich geschrieben und kennt die Vorgeschichte.

Die Gedanken, die Motivation und die drei gelöschten Kapitel davor.

Leser wissen das alles nicht und genau deshalb braucht man Menschen, die ehrlich sind. Menschen, die sagen: „Hier funktioniert es noch nicht.“

Auch wenn man diese Stelle selbst liebt und vielleicht sogar besonders dann.

Bei Grayson & Julian hat mich das vor allem bei Julian erwischt und natürlich hat mein erster Reflex gesagt: „Aber er ist doch genau richtig so!“

Weil Lieblingsfiguren einen unfairen Vorteil haben. Ich kenne sie schon so lange, dass ich ihre Schwächen gar nicht mehr sehe und in meinem Kopf war das auch alles super logisch. Weil ich ja nicht nur die Kapitel kenne, die ich ins Lektorat gegeben habe. Sondern quasi das komplette Leben von Julian, von Grayson, von Elijah … you name it. Ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt.

Also kenne ich jedes Trauma, jede Narbe, jetzt Verletzung, groß, klein und jeden inneren Gedanken. Aber der/ die Lektor:in kann das nicht kennen. Und muss er/sie auch nicht, weil im Lektorat geschaut wird: würde man das verstehen, ohne dass man 1000 Seiten vorab lesen muss, um die Figuren zu verstehen.

Es ist also logisch, dass ich als Autorin ihn verteidige. Und dann anfange, ihn zu erklären. SEHR ausführlich.

Und genau da lag ein Teil des Problems: Ich fing an zu erklären, zu wenig zu vertrauen und bin dann oft ins Tell gefallen. Julian hat man trotzdem nicht verstanden und aus ihm wurde genau das Gegenteil von dem, was er werden sollte. 

Also, eigentlich der Klassiker, der sicherlich fast jedem/jeder Autor:in. Zu wenig Show.

Glaubt mir bitte alle: Jede/r Autor:in weiß das. Verrückt oder? Aber wir tappen gern mal wieder in die Falle. Deshalb braucht es Lektorate. Damit nur die Lektor:innen oder Testleser:innen das so lesen und nicht die Endleser:innen.

Warum passiert das? Na ja, ganz einfach: Geschichten sind halt nicht nur Technik, sondern am Ende ganz, ganz viel Emotion. Und die, das wissen wir ja alle, können unter Umständen ab und an, ein teeny tiny bisschen blind machen.

Das ist der Grund, warum ich unfassbar dankbar bin für ein gutes Lektorat und für meine Lektorin in dem Fall. Denn es muss auch wehtun, sonst … ist irgendwie auch was falsch. Dann könnte ich auch ChatGPT oder einen anderen Bot fragen, die in der Regel sehr sehr nett zu mir sind. Selbst wenn ich sage: Sei kritisch. Aber ein Lektorat von einem Bot? Das ist ein ganz anderes Thema und für mich keine Option.

Ich glaube, ich bin auch nicht beleidigt, über Kommentare, weil Lektor:innen stehen ja auf meiner Seite. Und sind nicht gegen mich. Sie möchten, dass ich Erfolg habe. Punkt. Natürlich denkt jeder Autor:in: Menno, lass meine Figur in Ruhe. Aber wenn man sich dann mal überlegt, was dahinter steckt, dann merkt man. Hm. Ja, vielleicht ist nicht alles zu 100 % richtig, aber zu 99 % und das ist doch extrem gut.

Am Ende geht es auch nicht darum, wer hat recht, wer nicht, sondern darum, die bestmögliche Geschichte zu erzählen und manchmal braucht es dafür jemanden, der genau die Frage stellt, die man selbst vermeiden wollte.

Die besten Lektor:innen machen Bücher nicht kleiner, sie machen sie klarer und dafür und dafür bin ich jedes Mal wieder dankbar.

Auch wenn ich beim Lesen ihrer Kommentare gelegentlich kurz dramatisch auf den Tisch sinke.

Aber wohl eher, weil ich merke: Shit. Das habe ich nicht bedacht.

Eure

🖤

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