Warum wir unsere eigenen Erfolge oft zu spät bemerken
Vor ein paar Tagen saß ich in meiner Graduierungsfeier.
Eigentlich ziemlich müde, denn die Woche war voll gewesen.
Die Kamera war aus, weil ich auch so aussah, als wäre die Woche lang gewesen und ich hatte keine besonderen Erwartungen.
Ich wollte einfach nur dabei sein, als wäre das – Monate nach meiner Bacheorarbeit – eben einfach noch der offizielle Abschluss.
Und dann wurde mein Name aufgerufen und ich habe den Best Thesis Award gewonnen.
In den Tagen danach habe ich oft darüber nachgedacht, warum sich manche Erfolge so seltsam anfühlen. Nicht schlecht, auf keinen Fall, aber irgendwie unwirklich.
Vielleicht liegt es daran, dass wir den Weg kennen, die Zweifel, die langen Abende und die Arbeit. Weil wir wissen, wie viele Stunden hinter einem Ergebnis stecken und deshalb fühlt sich ein Erfolg oft nicht an wie ein plötzlicher Triumph, sondern eher wie: „Ach ja. Stimmt. Dafür habe ich ja gearbeitet.“
Als ich meinen Bachelor begonnen habe, lag der Abschluss irgendwo weit in der Zukunft. So weit weg, dass ich ihn mir kaum vorstellen konnte und jedes Mal Schnappatmung bekommen habe, weil ich immer dachte: Ich kann das nicht. Das werde ich nie schaffen. Wie zur Hölle schreibt man eine Bachelorarbeit?
Dann kamen Kurse, Hausarbeiten, Prüfungen und Abgaben. Aus den Jahren wurde dann eine Vergangenheit.
Mit dem Schreiben ist es ähnlich.
Vor kurzem habe ich die Überarbeitung eines Manuskripts abgeschlossen wie ihr wisst.
112.312 Wörter.
Wenn ich diese Zahl lese, denke ich: Wow. Aber wenn ich an die einzelnen Tage denke, fühlt es sich dagegen ganz normal an.
Ein Kapitel hier.
Eine Szene dort.
Eine Überarbeitung.
Noch eine Überarbeitung.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir unsere Erfolge oft nicht sofort erkennen. Weil sie selten in einem einzigen großen Moment entstehen, sondern in kleinen Schritten und an Tagen, die völlig unspektakulär wirken. An Abenden, an denen man lieber auf dem Sofa liegen würde und in Momenten, die später niemand sieht.
Und dann passiert etwas. Man schafft einen Abschluss oder hat auf einmal ein fertiges Buch vor sich liegen. Oder bekommt einen Preis und man erreicht damit ein Ziel, von dem man vorher nie gedacht hat, dass man auch nur einen Schritt davon erfolgreich absolvieren wird.
Und vielleicht, ganz vielleicht, erlaubt man sich auch kurz zu denken: Ach. Das war tatsächlich etwas Besonderes.
Ich glaube, ich versuche gerade genau das zu lernen: Nicht sofort weiterzurennen. Nicht direkt das nächste Ziel zu suchen, sondern manchmal kurz stehenzubleiben und anzuerkennen, was bereits geschafft wurde.
Aber ich bin ehrlich: Das fällt mir sehr schwer. Ich finde meine Bachelorthesis immer noch crappy. Und nichts besonderes. Umso mehr bin ich beeindruckt, dass mir völlig fremde Menschen das total anders gesehen haben. Die mich nicht kennen und die nicht aus Nettigkeit gesagt haben, na gut, du bekommst auch mal einen Preis. Weil du so lieb guckst.
Ich kann nicht oft nicht sehen, dass ich so viel weiter gekommen bin, als ich mir je zugetraut habe.
🖤
Eure