Allgemein

Adventskalender Türchen 9

Tucker

09.12.2025

Mein Tag beginnt mal wieder auf dem Platz des Winterlights Festivals und nicht in meiner Werkstatt. Wie so oft im Dezember. Es ist Stress, aber ich mag das.

Heute allerdings scheint das Wetter nicht so wirklich zu wissen, was es eigentlich will … Eine Art Zwischenwetter, wo ich mich immer frage: Ist das jetzt noch Herbst oder eben doch schon Winter?

Der Himmel ist grau. Die kalte Luft ist gar nicht mehr so kalt und bringt den letzten Rest Schnee zum Schmelzen, sodass die Böden matschig und braun werden. Nicht ideal, aber auch nicht zu ändern. Die Wettervorhersage sieht erst mal nichts anderes vor. Wir können nur hoffen, dass es vielleicht bald wieder schneit und aus der fleckigen Schicht, die noch auf dem Festplatz liegt, wieder eine dicke Decke zaubert.

Einen Vorteil hat das Wetter: Wir müssen an der Stelle, an der heute Abend der Funkenflug stattfinden soll, nicht so viel Schnee räumen. Das hatten wir auch schon anders in den Jahren zuvor.

Ich mag diesen Event. Vielleicht, weil es eben auch so simpel ist.

Holz, Feuer, Kinder, die lachen, und Erwachsene, die um das Feuer stehen und sich unterhalten.

Ein bisschen Magie, die jeder irgendwie versteht.

Ich kontrolliere gerade die Feuerstelle, die wir so weit wie möglich von allen Hütten und dem Weihnachtsbaum entfernt installiert haben. Nah genug, dass die Leute sie nicht übersehen können und sie noch integriert in das Winterlights Festival ist. Es ist eine große Mulde aus Stein, in der das Holz bereits sorgfältig aufgeschichtet ist. Das meiste davon kommt aus meiner Werkstatt. Reste, die ich nicht mehr brauche. Tom taucht neben  mir auf und reibt sich die Hände.

»Lässt du mich heute anzünden? Oder machst du das?«, fragt er.

Ich muss nicht lange überlegen. »Ich! Wenn du das machst, brennt wieder die halbe Reihe mit ab.«

»Hey!« Er lacht. »Das ist mir nur einmal passiert. Einmal, Tucker.«

»Das ist mehr als genug.«

Ich grinse ihn an, aber meine Gedanken sind nicht bei Tom oder bei dem Feuer. Dem Funkenflug heute Abend. Sie sind bei Lila. Wie sie vor zwei Tagen einfach in meiner Hütte stand, als wäre das ihr Platz und sie würde dort hingehören.

»Shit«, fluche ich, als ich mir an einem Holzscheit wehtue. Nicht hilfreich, an Lila zu denken, wenn ich hier hantiere.

»Sollte ich nicht doch vielleicht übernehmen?« Ich werfe Tom einen gespielt bösen Blick zu. »Ich meine ja nur.« Er hebt die Hände und sieht mich mit diesem unschuldigen Blick an, der so viel mehr sagt. »Du scheinst mit deinen Gedanken ja woanders zu sein.«

Ich schüttele den Kopf und wende mich wieder der Feuerstelle zu.

Das ist der Nachteil, wenn man in einem so kleinen Ort lebt wie Silver Pines. Alle wissen immer alles über einen – oder sie denken es zumindest.

»Boone!« Ich sehe auf und Claire kommt auf mich zu. »Denk dran, wir haben auch Eltern, die mit Kleinkindern kommen. Du musst den Abstand zum Feuer vergrößern, sonst gehen die mir mit den Fackeln nach Hause.«

»Keine Sorge, Claire.« Ich mache das hier nicht zum ersten Mal und außerdem kommt nachher noch Knox Wilder zur Abnahme. Er ist Feuerwehrmann hier in Silver Pines. Mit seinem Aussehen verdreht er den Frauen in Silver Pines den Kopf, aber seine Spezialität sind die Touristinnen. Keine Ahnung, wie viele unsere Stadt schon mit gebrochenem Herzen verlassen haben. Aber wenn es um Feuer geht, versteht er keinen Spaß mit der Sicherheit. Schon alleine deshalb muss das hier alles gut sein, sonst verbringe ich den ganzen Nachmittag damit, alles neu aufzubauen.

»Ich habe alles im Griff, Claire«, antworte ich und hoffe, dass das zumindest in Bezug auf das Feuer stimmt.

Knox ist zufrieden, als er mittags auf den Platz kommt. In seiner Uniform zieht er die Blicke auf sich und ich bin mir sicher, dass ich die Frauen seufzen hören kann. Ich grinse, als wir einschlagen, er sich alles ansieht und sein Okay gibt. Er wird heute auch dabei sein, wenn wir das Feuer entzünden und der Funkenflug beginnt.

Danach fahre ich in meine Werkstatt, um noch ein bisschen an meinen Aufträgen zu arbeiten, aber am frühen Nachmittag, als es zu dämmern beginnt, bin ich wieder auf dem Festival.

Der Geruch von Rauch hängt bald in der Luft, obwohl es noch gar nicht richtig losgeht. Wir haben eine kleinere, separate Feuerstelle installiert, wo wir die Qualität des Holzes testen. Das Holz ist gut, als ich es entzünde, zögert es kurz und geht dann in Flammen auf. Die Funken knistern, springen und zischen. Es riecht nach Feuchtigkeit und Waldboden.

Die ersten Kids sind schon da, lauern darauf, dass es endlich losgeht.

»Dürfen wir werfen?«, fragt einer der Jungs und springt von einem Bein auf das andere. Er hat definitiv nicht genug Geduld für diese Welt.

»Wenn es dunkel ist«, erwidere ich und lösche das Feuer. »Funken sieht man nur im Dunkeln richtig, dann macht es doch auch gleich viel mehr Spaß.«

»Lame«, murmelt er, und ich grinse über die Wortwahl. Trotzdem lungern sie weiter in der Nähe herum, aus Angst, den Start zu verpassen. Es dauert noch ein paar Stunden, bis zur offiziellen Funkenflug-Zeit.

Ich räume noch ein wenig in meiner Hütte auf und zerbreche mir den Kopf über Dinge, die nichts mit Holz, Feuer oder Ornamenten zu tun haben.

Wie Lila beinahe die Schneeflocke hat fallen lassen und ich schneller war.

Ihr Blick, als sie realisiert hat, was für eine Flocke das ist, und wie ihre Finger gezittert haben, als sie sie in die Hände genommen hat.

Mein Brustkorb. So eng, dass ich Angst hatte, nicht genug Luft zu bekommen.

Ich schüttele den Kopf, als könnte ich damit die Gedanken einfach so vertreiben. Ergebnis? Klappt natürlich nicht.

 

Als es dunkler wird, verändert sich der Platz. Die Weihnachtsbeleuchtung an den Hütten taucht alles in ein romantisches Licht. Werfen weiche Kreise auf den schlammigen Boden und lassen die Reste des Schnees glitzern. Das Leuchten des Weihnachtsbaums überträgt die Vorfreude auf alle, die heute Abend hier sind.

Es wird enger, weil immer mehr Menschen sich um die Hütten drängen, schon in der Nähe des Funkenflugfeuers warten, bis wir endlich anfangen.

Lebendiger. Lachen, Gesprächsfetzen, Musik dringen über den Platz, erfüllen ihn.

Besucher mit Pappbechern stehen zusammen, es riecht nach Weihnachtspunsch, Eggnog, Zimt und Äpfeln. Kinder springen herum, als hätten sie alle zu viel Zucker in ihrem heißen Kakao gehabt.

Ich stehe neben Knox und Tom an der Feuerstelle, habe eine Schaufel in der Hand und wir beginnen, kleine Tannenzapfen zu verteilen. Dabei achten wir darauf, dass alle den Abstand zum Feuer einhalten, das ich vor einer Weile entzündet habe und das jetzt hinter mir knistert und prasselt. Der Rauch hängt über dem Gelände, es riecht nach Kiefer und Aufregung.

Die Kinder kreischen durcheinander und sehen mich mit großen Augen an.

»Nur werfen, wenn wir es sagen, klar?« Knox hat sich vor den Kindern aufgebaut, strahlt Autorität aus.

»Na klar«, rufen sie im Chor zurück. Knox‘ und mein Blick treffen sich, wir grinsen. Wissen wir doch beide, dass sie sich nicht daran halten werden. Als ob wir das getan hätten, wenn wir in ihrem Alter gewesen wären.

Als wir das Zeichen geben, werfen sie, was das Zeug hält, und es ist so chaotisch wie kontrollierbar.

Die Tannenzapfen fliegen ins Feuer, knacken, platzen und die Funken springen in den Himmel. Der Duft nach ihnen überlagert alles, vermittelt mir dieses einzigartige Gefühl, dass bald Winter und damit auch Weihnachten ist. Ein Junge kreischt vor Begeisterung, weil sein Zapfen besonders laut knistert. Darin versuchen sie, sich zu überbieten, und können es nicht abwarten, weitere Zapfen hinterherzuwerfen.

Knox, Tom, weitere Helfer und ich achten darauf, dass sie dem Feuer nicht zu nah kommen und die kleineren Kinder, meist auf dem Arm eines Elternteils, auch mal werfen können, ohne dass sie Angst vor den Funken haben müssen.

Manchmal vergesse ich, dass ich wirklich gut darin bin, aufzupassen.

Regelmäßig machen wir Pausen, damit es nicht zu chaotisch wird, und als ich aufsehe, entdecke ich sie.

Lila.

Sie steht am Rand des Kreises um die Feuerstelle, zwischen ihren Eltern und Claire. Aber sie sieht nur mich an. Unsere Blicke treffen sich. Dann weicht sie aus, schaut ins Feuer, als würde sie sich nicht trauen, näher zu kommen. Ihre Hände hat sie tief in ihren Manteltaschen vergraben.

Als sie wieder zu mir sieht, sehe ich sie immer noch an und etwas in mir wird still. Aber mein Herz schlägt schneller. Lauter. Alles passiert gleichzeitig.

Ich winke ihr zu. Ganz vorsichtig, als hätte ich Angst, dass sie sich umdreht und geht.

Doch sie lächelt. Und kommt näher.

Zu mir.

»Hey«, sagt sie, als sie mich erreicht hat.

»Hey.« Unsere Unterhaltungen beginnen immer gleich, als würden wir beide nicht wissen, was wir sagen sollen, und wahrscheinlich ist das auch so.

Die nächste Runde Tannenzapfen fliegt ins Feuer und es schleudert ihre Funken in die Luft, ganz hoch. Sie tanzen durch die Nacht wie Glühwürmchen im Sommer.

»Du spielst mit dem Feuer«, sagt sie irgendwann, und es klingt wie ein Scherz. Aber nur fast. Irgendwas anderes liegt auch noch darin.

»Unter Aufsicht«, erwidere ich und deute auf Knox, der nicht weit von mir wegsteht, aber gerade nur Augen für eine junge Frau hat, die ich nicht kenne. Eine Touristin und ich ahne, wie das ausgeht. »Also eigentlich.« Ich lache und Lila folgt meinem Blick, verdreht die Augen. Knox war schon in der Highschool ein Herzensbrecher. Manche Dinge ändern sich nie. »Also muss ich wohl aufpassen«, fahre ich fort und bedeute einer Gruppe Jungs, weiter nach hinten zu gehen. »Sonst fackeln die hier noch alles ab und Silver Pines gleich mit.«

Lila lacht leise, es klingt fast wie ein Kichern.

»Das wäre nicht so gut, denke ich.«

Ich schnaube, denn das ist natürlich untertrieben.

Schweigend sehen wir dabei zu, wie die nächste Runde an Tannenzapfen in das Feuer fliegt. Die Funken stieben in die Luft,als würden sie den Sternen am Himmel Konkurrenz machen wollen.

»Willst du auch einen werfen?«, fragt ein Mädchen, das neben Lila steht. »Dann kannst du dir was wünschen.«

»Was wünschen?«

Das Mädchen nickt. »Ja, der Tannenzapfen erfüllt deinen Weihnachtswunsch.«

Lila sieht mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

»Das hat Claire gemeinsam mit Hailey beim ersten Funkenflug angefangen. Der erste Zapfen, den man wirft, bei dem darf man sich was wünschen.« Ich lehne mich näher zu Lila und flüstere in ihr Ohr: »Weil sonst wären es zu viele Wünsche und die Kinder würden gar nicht mehr aufhören zu werfen.«

Unsere Gesichter sind sich ganz nah, als ich mich ein Stück zurückziehe, und ich sehe Lilas Lächeln. Das Feuer, das sich in ihren Augen spiegelt und tanzt.

»Hier.« Das Mädchen hält Lila einen Zapfen hin.

»Aber ich weiß gar nicht, was ich mir wünschen soll«, protestiert Lila, nimmt ihr den Zapfen aber ab.

»Du musst dir ja nichts für dich wünschen, wenn du keine Idee hast«, sagt das Mädchen und sieht sie an, als wäre Lila nicht von dieser Welt. Ich unterdrücke ein Grinsen. »Dann wünsch dir was für uns alle hier. Vielleicht Schnee? Schnee mögen alle und das wäre viel besser als der Matsch hier.« Sie deutet auf ihre Stiefel, die reichlich mitgenommen aussehen.

Lila lacht und ich mag das Geräusch. Ich habe es so lange nicht mehr wirklich so ehrlich gehört wie heute Abend.

»Schnee klingt gut«, sagt sie, und in meiner Brust zieht es. Lila löst Dinge in mir aus, die ich viel zu lange nicht mehr zugelassen habe.

Lila tritt an mir vorbei, näher an das Feuer. Sie verlagert kurz ihr Gewicht und ich weiß, sie hat Schmerzen im Knie. Aber sie lässt sich nichts anmerken und ich zwinge mich, sie nicht mit meinem Arm zurückzuhalten und zu beschützen. Ich trete ebenfalls einen Schritt näher an das Feuer. Man weiß ja nie.

Mit einer fließenden, eleganten Bewegung, die die Tänzerin in ihr hervorblitzen lässt, wirft sie den Tannenzapfen ins Feuer. Einen Moment passiert nichts. Bis eine Wolke aus Funken in den Himmel schießt. Glitzert und verglüht.

Lila sieht nach oben in den Himmel, an dem zwischen den Wolken die Sterne hervorblitzen.

»Und?«, frage ich leise.

»Noch kein Schnee«, flüstert sie zurück und lehnt sich ein wenig gegen mich. Genug, um mein Herz zum Rasen zu bringen.

Ein Windstoß lässt das Feuer hinter uns laut knacken, weht den Geruch von Rauch zu uns, gemischt mit Karamell und süßem Kakao.

Lila zittert neben mir für einen Moment, und ehe ich darüber nachdenken kann, stelle ich mich noch ein Stückchen näher an sie heran, als könnte ich sie mit meinem Körper vor der Kälte beschützen.

Kurz habe ich Angst, dass sie zurückweicht, aber sie bleibt.

»Hier.« Ich halte ihr noch einen Tannenzapfen hin. »Für … was auch immer.«

Sie legt den Kopf leicht schräg und sieht mich fragend an. »Ach? Ich dachte, man hat nur einen Wunsch.«

Ich zwinkere ihr zu. »Das sagen wir den Kindern … das gilt nicht für dich … für Erwachsene.«

»Ach so.« Spöttisch nickt sie mir zu, nimmt den Zapfen aber, und unsere Finger berühren sich. Dieses Mal zucken wir nicht zurück, sondern lassen es zu. Für einen Moment. Der viel zu kurz ist. Oder zu lang? »Danke«, murmelt sie, und ich weiß nicht, ob sie den Tannenzapfen meint oder den Moment zwischen uns. Den Schutz vor dem Wind. Unsere Nähe.

Als sie den Zapfen wirft, entsteht eine Lücke zwischen uns, die mich frösteln lässt. Als bräuchte ich ihre Nähe, um den Abend in der Kälte zu überstehen. Ich beobachte Lila und sehe dabei, wie wir von Bewohnern aus Silver Pines beobachtet werden. Natürlich. Ich blende sie aus, als ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Lila lege. Auf den Funkenflug, den ihr Zapfen verursacht.

»Ich mag das.« Lila lächelt mich an. »Wie die Funken aus dem Feuer fliegen, nach oben. Als wollten sie mir sagen, dass das Leben voller Möglichkeiten steckt. So viele, dass man aufpassen muss, sie nicht zu verpassen. Weil sie sonst vielleicht verglühen, wie die Funken.«

»Sie verschwinden zu schnell«, sage ich und unterdrücke ein Seufzen. Was wird das hier?

Lila zuckt mit den Schultern. »Vielleicht kommen sie ja wieder? Wenn man lange genug wartet?«

Jetzt bin ich sicher, dass sie nicht mehr von den Funken, oder den Möglichkeiten spricht. Dass sie uns meint.

Unsere Blicke verhaken sich ineinander. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Lila scheint es auch so zu gehen, und so sehen wir uns einfach nur an. Stehen nebeneinander.

Bis ein Kind mehr Zapfen von mir haben will. Jemand nach Kettle Corn ruft und der Blickkontakt reißt ab.

Als ich dem Kind seine Tannenzapfen gegeben habe, wollen noch mehr welche haben, und als ich endlich wieder aufsehen kann, ist Lila in der Menge verschwunden.

Ich suche sie, aber ich kann sie nicht entdecken.

Heute macht es mir nichts aus, weil ich weiß, dass ich noch 16 Tage habe in denen sie sicher in Silver Pines sein wird.

16 Tage, um herauszufinden, was das zwischen uns ist, denn die Funken, die in meinem Kopf herumschwirren, lassen sich nicht so leicht austreten wie die, die hier auf den Boden fallen und vor sich hin glimmen.

 

 

Ob beim Funkenflugfeuer auch bei Tucker und Lila die Funken wieder erwacht sind? Oder liegt doch zu viel von der Vergangenheit zwischen ihnen?

Wir werden es herausfinden. Noch ist Zeit bis zum 25. Dezember und die beiden machen es spannend.

Fiebere mit und rockt eure Woche, meine Rockeronies.

Eure

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner