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Adventskalender Türchen 10

Lila

10.12.2025

Aus meinem Wunsch nach Schnee wurde nichts. Eigentlich kommt es mir fast so vor, als würde mich der Funkenflugzapfen auf den Arm nehmen. Der Dezember macht gerade den Eindruck, als hätte er sich überlegt, er möchte lieber der Oktober sein. Es ist noch milder als am Tag zuvor, viel zu warm für Montana um diese Jahreszeit. Wer jetzt noch denkt, es gibt keinen Klimawandel, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen. Der Schnee ist eigentlich nicht mehr vorhanden, sieht man von den wenigen Hügeln ab, die von der Räumung der Straße zusammengeschoben worden sind. Und die sind eher grau als schneeweiß. Alles andere ist einfach nur nass.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie der Platz des Winterlights Festivals aussieht. Wahrscheinlich eine Matschwüste.

»Gehört das nicht zu einem anständigen Festival?«, denke ich und grinse, aber das hier hat nichts mit einem Rockfestival zu tun.

Ich seufze und gehe nach unten. Mein Dad flucht, weil die Kaffeemaschine nicht macht, was sie soll, und aus dem Atelier kann ich das Geräusch von Leinwänden hören, die über den Boden geschoben werden. Wahrscheinlich ist meine Mom schon wieder mitten in einem ihrer Schaffensprozesse und das Licht wandert ihr zu schnell. Wobei ich mich frage, mit welchem Licht sie da gerade arbeitet. Auch wenn es draußen wärmer ist, ist der Himmel einfach nur grau und verhangen. Das zieht mich noch weiter runter.

»Guten Morgen, Zuckerfee«, meint Dad ohne aufzusehen, als ich reinkomme.

»Morgen.« Ich gähne herzhaft. Auf Kaffee muss ich wohl nicht hoffen, er hat die halbe Maschine auseinandergebaut. »Gibt es Kaffee?«, frage ich trotzdem naiverweise und höre nur ein Grunzen als Antwort. »Also nicht«, murmele ich, wandere aus der Küche in den Flur, um mich anzuziehen. Ich werde mir bei Claire einen Kaffee besorgen, sonst werde ich heute nicht wach. Und wenn ich schon da bin, kann ich ihren süßen Leckereien sowieso nicht widerstehen.

Ich wickele mir den Schal um den Hals, wobei ich kurz überlege, ob ich ihn überhaupt brauche.

»Du bist perfekt!«

Ich zucke zusammen und wende mich zur Stimme meiner Mom um. Runzele die Stirn. »Wofür?« Ich bin mir des unordentlichen Dutts auf meinem Kopf durchaus bewusst und mit Sicherheit habe ich noch Abdrücke von meinem Kissen im Gesicht.

»Für den Buchladen.« Sie tänzelt auf mich zu. »Wir brauchen ein hübsches Gesicht wie deines, um unsere Flyer rüberzubringen. Außerdem kannst du Hailey dann auch fragen, ob sie noch Rahmen braucht.« Ihre Hände verknoten sich. »Kooperation und so.«

»Ich wollte eigentlich …« Weiter komme ich nicht, denn sie küsst mich auf die Stirn und drückt mir einen Jutebeutel in die Hand, in dem ich die Flyer vermute.

»Perfekt. Danke, Lila. Dann haben wir das ja geklärt.«

Seufzend stelle ich den Beutel ab und schlüpfe in meine Stiefel. Es lohnt sich nicht, mit ihr zu diskutieren, wenn sie in dieser Phase eines Flows steckt.

Und wenigstens liegt Claires Café gleich um die Ecke von Hailey. Ich kann immer noch hingehen. Vielleicht lasse ich dann einfach noch ein paar Flyer bei Claire.

 

Draußen empfängt mich eine Windböe, aber sie ist bei weitem nicht mehr so kalt wie noch vor ein paar Tagen. Der Geruch nach Schnee ist dem von Regen gewichen. Wie traurig. Weiße Weihnachten in Montana sind noch mal anders schön. Aber ich kann es nicht ändern. Die Dampfwölkchen vor Mund und Nase sind fast nicht mehr sichtbar und ich bin froh, dass ich so gute Stiefel habe. Die Pfützen hätten normale Schuhe sofort durchweicht. Die Schneereste wirken wie ein Requesit aus einem falschen Film. Traurig. Als Kind habe ich es schon gehasst, wenn der Schnee geschmolzen ist und man tagelang noch diese traurigen, graubraunen Flecken gesehen hat. Dann soll er doch lieber gleich komplett verschwinden.

Ich überquere den Festivalplatz und er ist so matschig, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich muss aufpassen, dass ich nicht rutsche. Die Hütten sind geschlossen, die Lichterketten aus. Von den Dächern tropft das Schmelzwasser und der Weihnachtsbaum sieht aus wie ein durchnässter Pudel. Alles ist still, niemand ist hier. Als würde das Festival durchatmen, bis abends wieder der Trubel losgeht.

Als ich die Buchhandlung erreiche, ist meine Hose schlammbespritzt und selbst mein Mantel hat einiges abbekommen. Ich stampfe mir die Schuhe ab, bevor ich Haileys Laden betrete.

Das Glöckchen verrät mich und morgens ist noch nicht viel los im Laden.

»Lila«, begrüßt mich Hailey, die gerade im Eingangsbereich einen Bücherstapel neu ausrichtet. »Du bist wieder da. So schnell hatte ich dich gar nicht erwartet.«

Ich lächle und zeige auf meinen Beutel, doch Hailey spricht weiter: »War das Buch gut?«

»Ja, es ist wirklich spannend«, erwidere ich und hoffe, dass ich nicht rot werde. Immerhin weiß ich nicht mal, was auf den ersten Seiten stand.

»Ach ja? Bist du sicher?« Hailey geht hinter ihren Verkaufstresen. »Weil Mrs. Williams hat mir gestern das Buch gebracht hat und meinte, du hättest es im Café liegen lassen …« Sie hält es mir entgegen und Hitze schießt mir in die Wangen.

»Ach … ich hab es gar nicht bemerkt. Danke, Hailey.«

Ich nehme es entgegen und lasse es in meinem Beutel verschwinden.

»Ja, so ist das, wenn man andere Dinge im Kopf hat.« Sie zwinkert mir zu.

Wann habe ich vergessen, dass Silver Pines ein kleiner Ort ist? In dem alle alles über die anderen wissen und es immer jemanden gibt, der einen beobachtet. Egal, was man tut. Hailey muss auf das Feuer gestern Abend anspielen. Ich habe die Blicke gesehen, als ich mit Tucker am Feuer stand. Mühsam unterdrücke ich ein Seufzen. Darum bin ich auch nach New York gegangen, weil ich endlich mal jemanden kennenlernen wollte, ohne dass mich dabei Leute beobachten.

»Ich bin wegen der Flyer hier«, wechsele ich uncharmant das Thema. »Ich komme im Auftrag des Kunstkollektivs Monroe.«

Damit bringe ich Hailey zum Lachen, die die Hand nach den Flyern ausstreckt.

»Natürlich, leg sie einfach hier vorn ab. Die Touristen sind auf jeden Fall immer auf der Suche nach schönen Unternehmungen und eure Galerie lohnt sich auf jeden Fall.«

Ich reiche ihr die Flyer, die sie direkt neben der Kasse platziert, und gehe dann ein paar Schritte in den Laden. Zwar war ich erst hier, aber es ist immer wieder schön, den Laden zu entdecken. Hailey muss ihn irgendwann übernommen haben. Früher gehörte er dem Ehepaar Banks, die aber schon in meiner Schulzeit dem Rentenalter sehr nah waren. Mom hat mir sicher davon am Telefon erzählt, aber in New York war Silver Pines so weit weg, dass ich meistens nicht richtig zugehört habe. Ein Stich im Herzen. Meine New York-Abenteuer waren mir immer wichtiger. Es gibt noch immer Ecken hier im Laden, die sich in den zehn Jahren nicht verändert haben.

Ein Regal mit den Klassikern. Da sind wir früher immer nur hin, wenn wir in der Schule einen von den alten Schinken lesen mussten. Was habe ich das immer gehasst.

Haileys Einfluss ist spürbar. Die Kinderleseecke ist viel gemütlicher, ein Poster wirbt für Vorlesestunden. Das gab es früher nicht.

Die Nische mit den Musikbüchern und Noten ist immer noch die gleiche. Mein Blick fällt auf ein altes Radio, das auf einer Kommode steht. Mrs. Banks hatte immer Klassik laufen, heute schweigt das Radio und aus einem Impuls heraus stelle ich es an. Ein Stück endet gerade, und als das neue einsetzt, weiß ich schon, bevor der erste Ton wirklich aus dem Gerät dringt, dass das nicht gut für mich enden wird.

Die ersten Noten eines Klaviers erfüllen den Raum. Weich. Zart.

Der Tanz der Zuckerfee.

Ich greife mir an die Kehle, erstarre und glaube zu ersticken.

Wie angewurzelt stehe ich zwischen den Regalen, während alles um mich herum verschwimmt und ich nur noch die Musik höre.

Ich kenne jede Note.

Weiß, welche Bewegung an welcher Stelle kommt. Die Pirouetten. Die Sprünge. Ich habe dazu so oft getanzt, dass es sich anfühlt wie ein Teil meines Körpers.

Bis es das nicht mehr tat. Mein Körper aufgab. Ausgerechnet bei diesem Stück.

Ich greife nach einem Regal, um mich zu halten. Will das Radio ausschalten, schaffe es aber nicht. Mein Knie pocht. Nicht sehr stark, aber genug, um mich an jedes Detail zu erinnern. Der stechende Schmerz, mein Fall. Der Atem, der im Publikum angehalten wurde und so laut über die Bühne dröhnte. Meine Tränen im Backstage.

»Alles okay?«

Ich blinzele gegen die Tränen an, kehre aus meiner Starre zurück und drehe mich um.

Tucker steht da.

Er hat eine Papiertüte in der Hand mit dem Namen des Baumarktes und ein Buch.

Außerdem einen Blick, der zu viel sieht.

»Ja«, erwidere ich. »Ich habe nur das Gleichgewicht kurz verloren. Geht schon wieder. Ich hatte noch keinen Kaffee heute Morgen.«

Seine Stirn legt sich in Falten und er sieht zwischen dem Radio und mir hin und her.

»Du magst das Stück nicht?«, fragt er vorsichtig.

Ich lecke mir die Lippen, bevor ich sie zusammenpresse. Was soll ich ihm sagen? Ich könnte so viel sagen. Wie sehr ich das Stück liebe. Wie sehr es zu mir gehört. Oder dass ich es hassen gelernt habe, weil es mir erst die Bühne eröffnet und sie mir dann wieder weggenommen hat?

Stattdessen zwinge ich mich, durchzuatmen und sage: »Früher habe ich es geliebt.« Es ist die Wahrheit. Das erste Mal, dass ich ihm so offen etwas sage.

Alles, was er tut, ist nicken. Er fragt nicht nach, wie andere es getan hätten. Ist nicht neugierig oder will mich dazu bringen, darüber zu reden. Er akzeptiert meine Antwort und mein Magen flattert.

»Ich glaube, dann mag ich es heute auch nicht«, murmelt er, und es klingt so ernst, dass ich anfange zu lachen.

Leise, aber echt.

»So funktioniert so was aber nicht.«

»Heute schon.«

Das Stück läuft noch immer, aber ich höre schon nicht mehr richtig zu. Dank Tucker.

Hailey ruft ihm etwas zu, das ich nicht ganz verstehe, und Tucker hebt kurz die Hand.

»Sie hat das andere Buch gefunden, das ich bestellt habe. Ich muss …« Er sieht mich einen Augenblick an. Mustert mich. »Sei vorsichtig, wenn du rausgehst. Der Gehweg ist eine einzige Rutschbahn mit dem ganzen Schneematsch.«

»Kriege ich hin.« Ich deute auf meine Stiefel, die braun verkrustet sind. »Habs auch über den Festplatz geschafft.«

Er lächelt zögerlich.

»Lila?«

»Ja?«

Doch er kommt nicht dazu, zu antworten, weil Hailey noch einmal nach ihm ruft.

»Nichts.« Sagt er, doch ich weiß, dass da was ist.

Als er zur Kasse geht, sehe ich ihm lange nach, ehe ich mich aus der Nische löse und ebenfalls den Laden verlasse. Der Tanz der Zuckerfee läuft noch immer.

Draußen steht Tucker. Lehnt gegen die Wand, eine Hand in seiner Jackentasche vergraben, in der anderen seine Tüten.

»Warte«, sagt er, und ich bleibe stehen.

»Hast du was vergessen?«

»Nein.« Er kommt ein Stück auf mich zu. »Aber ich wollte sichergehen, dass du wirklich okay bist.« Tucker nickt in Richtung Laden. »Ohne dass es jeder gleich mitbekommt.«

Ich schlucke.

»Ich bin okay«, erwidere ich, und ahne, dass meine Mimik mich verrät.

»Lila.« Tuckers Stimme ist ernst. »Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst.« Er sieht auf mein Knie. »Aber wenn du es doch mal möchtest … ich bin hier, das weißt du? Oder?«

»Warum?« Mein Herz stolpert, weil ich die Frage gestellt habe, ohne dass ich es wollte. »Warum bist du noch hier? Für mich? Nach allem?«

Er sieht mich an. Intensiv und einen Tick zu lange, ehe er sagt: »Weil ich nie aufgehört habe, auf dich zu warten.«

Die Worte treffen mich wie ein Schlag. Hier habe ich die Antwort auf meine Frage, die ich mir nie erlaubt habe zu stellen. Mitten auf der Straße, wo es nicht mehr nach Schnee, sondern nach nassem Asphalt riecht, während die Autos durch die Pfützen fahren. Ich will ihm antworten, aber ich bringe kein Wort heraus. Tucker tritt einen Schritt zurück, als spürte er die Enge, die mich erfasst hatte. »Du weißt, wo du mich findest. In meiner Werkstatt oder in meiner Hütte. Falls du … vorbeikommen möchtest.«

Dann geht er.

Und ich sehe ihm nach, bis er um eine Straßenecke verschwindet und ich mich auf den Weg zu Claire mache.

Irgendetwas in mir hat sich verändert. Etwas, was ich nicht rückgängig machen kann.

Und plötzlich habe ich das Gefühl, dass 15 Tage nicht genug sind.

War das nicht süß? Ich finde, die beiden lassen sich wirklich Zeit, aber langsam, langsam kommen sie sich näher und darüber freue ich mich gerade.

Wie seht ihr das, Rockeronies?

Habt den Tag schön und rockt on.

Eure

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