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Adventskalender Türchen 11

Tucker

11.12.2025

Die letzten Tage haben das Wintermärchen in Silver Pines endgültig beendet. Was gestern zumindest noch einen Hauch von weißer Pracht aufwies, ist heute komplett verschwunden. Es ist immer noch viel zu warm. So warm, dass selbst die traurigen Schneehaufen, die gestern noch wie vergessene Eisberge gewirkt haben, zu kleinen Seen geworden sind.

Meine Stiefel sehen aus, als wäre ich als Bauarbeiter unterwegs, als ich auf den Festivalplatz komme. Eigentlich sollte ich in der Werkstatt sein, aber irgendwas ist hier ja immer. Der Kies knirscht unter meinen Sohlen, wo es eigentlich nach gefrorenem Boden und Schnee klingen sollte.

»Heute ist Reparaturtag«, verkünde ich laut, und klatsche in die Hände, obwohl niemand da ist. Ich bin allein. Bei dem grauen Wetter, das selbst die Sonne dazu gebracht hat, sich zu verstecken, ist niemand gern hier, wenn er nicht muss.

Eigentlich repariere ich jeden Abend irgendwas, wenn es an meinem Stand ruhiger ist. Aber heute ist es eben besonders.

Die Sitzbänke sind alle durchnässt, einige der Bretter haben sich verzogen und ich befürchte beim Anblick der kleinen Bühne – auf der am Wochenende der Kinderchor auftreten soll –, dass sie mehr Stabilität brauchen wird.

Aber erst mal die Bänke.

Nachdem ich meinen Werkzeugkoffer aus dem Auto geholt habe, mache ich mich an die erste Bank. Die Bretter sind alle aufgequollen, eines ist gebrochen und muss definitiv ausgetauscht werden.

Ich knie mich davor, prüfe die Schrauben der anderen Bretter und rüttele daran.

»Bitte sag mir, dass ihr nicht alle brechen wollt«, murmele ich, aber auch die anderen Bretter wirken nicht, als würden sie das Winterlights Festival bis zum Ende durchhalten.

Die Bank gibt mir keine Antwort, doch ich höre Schritte, die auf dem Kies knirschen.

»Mit wem redest du da?« Die Stimme kenne ich, und als ich aufsehe, steht Lila nur wenige Meter entfernt. Ich stehe auf, wische mir die Hände an meiner Hose ab. Ihr Blick wandert erst über die Bank und dann über meine dreckigen Knie.

»Einer meiner Patienten von heute.«

»Wie geht es ihm?«, fragt sie und lächelt.

»Er wird überleben. Ich muss nur die beiden Bretter hier austauschen.«

Ihr Lächeln wird breiter und es ist nicht mehr so zaghaft, wie es noch am Anfang war, als wir uns gesehen haben. Trotzdem wirkt es, als fragt sie sich, ob sie lächeln darf. Ich würde es ihr gern sagen, wenn es nicht so merkwürdig wäre.

»Darf ich mich setzen, wenn du ihn gerettet hast?«, fragt sie.

»Nur, wenn du mir hilfst, die Bretter zu tauschen, und ihn hinterher gut behandelst.«

»Mache ich, und keine Sorge, ich bin ganz leicht.«

Was die innere Schwere angeht, glaube ich ihr zwar nicht, aber ich sage nichts.

Schweigend schraube ich die kaputten Bretter von der Bank und füge zwei neue ein, die ich bereits vorsorglich in meiner Werkstatt vorbereitet habe. Lila reicht mir die Schrauben, und als ich sie festgezogen habe, teste ich die Stabilität, ehe ich nicke.

»Okay. Versuch dein Glück.«

Lila reckt den Daumen nach oben, lächelt und setzt sich vorsichtig auf das Ende der Bank, stützt sich dabei auf ihr gesundes Bein, ehe sie das andere langsam nachzieht. Ich räume mein Werkzeug weg, tue so, als würde ich es nicht bemerken.

Lila seufzt und lehnt sich zurück.

»Du hast es geschafft, ich glaube, er ist über den Berg.«

Ich lächle und setze mich neben sie.

»Ja, das glaube ich auch.«

Wir sitzen einen Augenblick einfach nebeneinander. Das Schweigen zwischen uns fühlt sich nicht unangenehm, sondern vertraut an.

»Es ist irgendwie schön, einfach hier zu sitzen und sich keine Gedanken darüber zu machen, ob etwas unter mir wegbricht«, sagt sie, und ich weiß, dass sie nicht die Bank meint.

Trotzdem sage ich: »Ich garantiere für meine Möbel.«

Sie lacht leise. »Gut zu wissen.«

Wieder sagen wir nichts.

Am Tag ist es stiller auf dem Winterlights Festivalplatz. Die Hütten sind geschlossen, die Lichter aus. Kinder, die abends über den Platz toben, sind in der Schule, und nur wenige Leute gehen vorbei. Jemand schiebt einen Kinderwagen, ein Hund bellt in der Nachbarschaft und ein Truck piept, als er rückwärts aus einer Einfahrt fährt.

»Weißt du, was ich am meisten an Silver Pines vermisst habe?«, fragt Lila plötzlich, und ich sehe sie an, während mein Herz einen Extraschlag einlegt.

»Was?«, frage ich und lecke mir über die Lippen. Hoffe, dass sie nicht sagt dich, denn ich wüsste nicht, wie ich dann reagieren soll.

»Es ist mir erst so wirklich bewusst geworden«, fährt sie fort, »als ich wieder hier war. Nach ein paar Tagen. Vielleicht habe ich in New York gemerkt, dass es mir fehlt, aber ich konnte nie genau festlegen, was es ist.« Sie deutete auf den Platz, die Hütten mit ihren Lichterketten und Girlanden an den Dächern, die alten Häuser um den Platz herum. »Einfach dieses Gefühl zu haben, dass alles irgendwie zusammenhält. Weißt du? Auch wenn es mal wackelt oder einzustürzen droht.«

»Na ja, dafür haben sie mich in Silver Pines und die anderen Handwerker.« Ich schlucke. »Wir verschweißen es wieder, oder«, ich klopfe gegen die Bank, »schrauben es wieder fest.«

Ihr Blick verhakt sich mit meinem, lässt mich nicht los. Ich möchte wegsehen und will es gleichzeitig auch nicht.

»Ich weiß. Das hast du schon immer gut gekonnt.«

Und wieder liegt etwas in diesem Satz, von dem ich weiß, dass es sich nicht auf die Bank bezieht. Ich beuge mich nach vorn, ziehe aus meinem Werkzeugkasten ein kleines Sitzkissen. Das habe ich mir nach dem letzten Winterlights Festival zugelegt, denn auch wenn ich es ungern zugebe, meine Knie werden nicht jünger, und wenn ich stundenlang irgendwo kniend arbeiten muss, hilft es, durchzuhalten. Es ist nicht schön, aber warm und weich.

»Hier.« Ich reiche es ihr. »Damit du nicht all die Wärme an unseren Patienten abgeben musst.«

Lila hebt ihre Augenbrauen, nimmt es entgegen, bevor sie sich daraufsetzt. »Du hast ein Sitzkissen bei der Arbeit dabei?«

»Meine Knie knacken leiser, wenn ich es benutze.«

Sie sieht auf meine Knie und dann auf ihr eigenes. Mit dem Stützverband. Ich sehe es. Wie sie dabei das Gesicht verzieht, als habe sie in diesem Moment Schmerzen. Als offenbart sie etwas, das sie lieber versteckt hält.

»Lila«, sage ich leise und zwinge mich, nicht nach ihrer Hand zu greifen, so wie ich es vor zehn Jahren selbstverständlich getan hätte.

»Es ist nichts.« Ihre Stimme klingt rau und abweisend.

»Ich denke schon«, erwidere ich dieses Mal.

Lila sagt nichts. Sie rutscht auf dem Kissen herum und knetet ihre Hände, weicht meinem Blick aus. Ich beschließe, es gut sein zu lassen. Für den Moment. Also stehe ich auf, nehme meinen Werkzeugkoffer und mache mich daran, die Bank neben ihrer zu reparieren. Auch hier ist ein Brett lose. Das andere kaputt, nur eines ist noch in Ordnung.

Lila sieht mir schweigend zu und dieses Mal legt sich die Stille wie eine Bleidecke auf meine Schultern.

Ich räuspere mich. »Und was wäre, Lila, wenn etwas so kaputt ist, dass man es nicht mehr reparieren kann?«, frage ich, ziehe eine Schraube fest und denke, wie blöd meine Frage gerade war.

Ich kann hören, wie sie die Luft einzieht, ehe sie antwortet. »Was meinst du?« Ihre Stimme klingt gepresst, ich merke, wie schwer es ihr fällt, gerade zu sprechen.

Ich lege mein Werkzeug beiseite und sehe sie an.

»Na ja, manchmal wackelt etwas vielleicht nicht mehr nur. So wie die Bank oder der Balken der Hütte während dem Sturm vor ein paar Tagen. Manchmal ist es richtig kaputt, so kaputt, dass man mehr braucht als eine neue Schraube und einen Schraubenzieher.« Lila sieht weg. Presst ihre Hände so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervorstechen. Fast flüsternd fahre ich fort, als hätte ich Angst, sie mit meiner Stimme zu erschrecken: »Wenn es wirklich wichtig ist. Wichtig genug, dann baut man es neu auf.«

Ihre Augen füllen sich mit Tränen, eine rollt ihre Wange hinunter und sie wischt sie schnell weg. Doch ich habe sie gesehen.

»Ich weiß nicht, ob ich das kann, Tucker.« Ihre Stimme bricht beinahe und mein Herz zieht sich zusammen.

»Was kannst du nicht, Lila?« Ich bleibe hartnäckig, auch wenn es mir wehtut, Lila so zu sehen.

»Wieder neu anzufangen. Nach … allem.« Sie schüttelt den Kopf, als ihre Stimme bricht. Ihr Kinn zittert. »Ich dachte, ich hätte alles im Griff, ich wüsste, was als Nächstes passiert. Aber dann ist einfach alles auseinandergefallen. So schnell, dass ich nicht mal weiß, wo alle Teile sind, und schon gar nicht, wie ich sie wieder zusammensetzen soll.«

Ich stehe auf und trete näher zu ihr. Nicht zu nah, aber so nah, dass sie zu mir aufsehen muss.

»Lila, du bist nicht kaputt. Wenn das so wäre, dann wärst du nicht hierhergekommen. Und das ist ein Anfang.«

Ihre Augen schwimmen in Tränen, als sie mich ansieht. »Du verstehst nicht …«

»Dann erklär es mir«, unterbreche ich sie, merke, wie ihre Emotionen verrücktspielen. In ihren Augen liegt so viel Schmerz, aber auch Wut, und ich denke, ich bekomme keine Luft mehr.

»Mein Knie, Tucker.« Ihre Stimme ist so leise, dass ich sie kaum verstehe. »Es ist mehr als nur eine Verletzung. Es ist das Ende meiner Karriere. Das Ende von allem, wofür ich damals aus Silver Pines weggegangen bin.«

Ihre Worte kommen nur langsam bei mir an, als lebte ich in einer Zeitlupe und alles bewegte sich so zäh wie ein Stück alter Kaugummi.

»Vorbei?«

Sie nickt.

»Ich werde nicht mehr so tanzen können wie früher. Vielleicht nie wieder, weil das Knie nicht stabil genug ist.« Lila sieht mich an, als hofft sie, dass ich ihr sage, dass das nicht wahr ist. »Ohne den Tanz … wer bin ich dann noch, Tucker?«

Ich beiße mir auf die Lippen, suche fieberhaft nach Worten, die ich sagen kann. Die trösten. Die klug sind und nicht klingen wie eine Phrase. Aber alles, was mir einfällt, ist: »Du bist Lila.«

Sie lacht. Bitter. »Und das soll reichen, Tucker?« Sie schüttelt den Kopf. »Das tut es nicht.«

»Für mich schon.«

Lila reißt die Augen auf, Schock spiegelt sich in ihrer Mimik, als hätte ich ihr gerade gesagt, dass ich vom Mars komme.

Ich setze mich neben sie. »Warum denkst du, dass dich nur das ausmacht, was du tust? Denn das ist nicht so. Lila, verdammt, du bist so viel mehr als der Tanz der Zuckerfee.«

»Nach allem, was ich getan habe? Was ich dir angetan habe? Damals?« Ihre Stimme zittert. »Wie kannst du mir das da noch sagen?«

»Weil ich dich kenne, Lila Monroe. Und das hat sich auch nicht in den zehn Jahren geändert, in denen du nicht hier warst.«

Sie weint. Doch dieses Mal wischt sie die Tränen nicht fort.

»Ich weiß einfach nicht, ob ich wieder gehen oder hierbleiben soll.« Die Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht wider. »Alle werden denken, dass ich versagt habe, aber in New York habe ich meine Basis verloren. Wie soll ich da egal wo weitermachen?«

»Bleib hier. Fahr erst mal nicht zurück.« Ich hoffe, es klingt nicht verzweifelt, sondern freundschaftlich. »Den Rest können wir immer noch rausfinden.«

»Wir?«

Ich nicke.

»Tucker …«

»Nein, Lila, keine Sorge, ich verlange nichts von dir. Ich will einfach nur, dass du weißt, dass du eben nicht allein bist. Du hast mich. Deine Eltern. Und … « Ich weiß nicht, wen sie hier noch aufzählen würde, aber das macht auch nichts. Drei reichen. Wir reichen.

Lila schweigt. Mein Herz klopft so laut, dass ich Angst habe, sie könnte es hören. Ich fühle mich, als würde ich gleich das Urteil in einem Gerichtsprozess zu hören bekommen. Lebenslänglich oder Freiheit, wenn auch mit Bewährung.

Als sie nickt, fällt etwas von mir ab. Die Bewegung ist so zart, dass ich sie beinahe übersehen habe. Aber sie ist da und das ist erst mal genug.

»Okay«, flüstert sie schließlich und steht auf. Langsam. Als hätte sie Angst, vor meinen Augen zu zerbrechen. »Danke, Tuck.« Es ist das erste Mal, dass sie meinen Spitznamen wiederverwendet. »Für alles.«

Ich will nach ihrer Hand greifen und sie noch nicht gehen lassen. Aber ich tue es trotzdem.

»Lila?« Sie dreht sich noch einmal um.

»Ja?«

»Für mich spielt es keine Rolle, ob du die Zuckerfee auf einer Bühne tanzt, weißt du? Für mich nicht. Denn du bist so viel mehr und trotzdem für immer eine Zuckerfee.« Ich weiß nicht, ob die Worte Sinn machen, aber der Schleier der Trauer hebt sich ein wenig von Lilas Zügen.

»Vielleicht«, flüstert sie, und dann geht sie.

Ich bleibe auf der Bank sitzen und sehe ihr nach. Etwas Fundamentales hat sich verändert. Lila hat mit mir gesprochen. Sie hat mir die Wahrheit gesagt und wie es aussieht, will sie sich ihr stellen.

Ich habe keine Ahnung, was nun passiert. Aber das muss ich auch nicht. Wenn ich Glück habe, werden es mehr als nur 14 weitere Tage mit ihr.

Ich finde ja, die beiden sind sehr süß zusammen. Vor allem Tucker, der nun wirklich allen Grund hätte, gebrochen zu sein von Lila. Er liebt sie und ich finde, das merkt man. Lila langsam auch, denke ich … und sie? Wir werden sehen.

Freue mich zum nächsten Türchen auf euch, meine Rockeronies.

Rockt on!

Eure

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